
„Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht…“ *
Wenn ich dieser Tage aus unserem Hof auf die grünen, blühenden Felder blicke, kommt mir dieses Lied in den Sinn. Die große Erntezeit ist noch nicht angebrochen. Die Felder blühen und wir genießen ein bisschen Erholung.
„Kaum ist der Tag am längsten, wächst wiederum die Nacht…“
Schon bald geht es wieder los. Dann beginnt die Hochphase der Erntezeit. Dann fahren die Traktoren bis spät abends in der Dunkelheit und auch sonntags. Die Tage werden kürzer, die Arbeitstage aber werden länger.
„Das Jahr lehrt Abschied nehmen, schon zu der halben Zeit…“
Schon jetzt sind die ersten Früchte abgeerntet, da hat die große Erntezeit noch gar nicht richtig begonnen. Ich will die letzten Erdbeeren und Spargel des Jahres besonders genießen.
„Du wächst und bleibst für immer, doch unsere Zeit nimmt ab…“
Habe ich die Mitte meines Lebens schon überschritten? War es nicht erst gestern, als ich noch bei Oma und Opa am Küchentisch saß? Als ich in den Beruf gestartet bin? Als meine Eltern sich noch von morgens bis abends mit voller Energie um den Familienbetrieb, den Hof, um ihre Kinder und ihre eigenen Eltern gekümmert haben?
Ob Adolph Kolping ahnte, welch großes Feld er bestellte, als er seinen ersten Gesellenverein gründete? Die Ernte dürfen wir noch heute einfahren. Auch wenn der Höhepunkt überschritten scheint, die Zahl der Christinnen und Christen weniger wird und wir lernen müssen, Abschied zu nehmen. Abschied von der eigenen Kolpingsfamilie, die sich auflöst, von liebgewonnenen Traditionen, vom vertrauten Umfeld. Aber all das sollte uns nicht entmutigen in unserem Engagement.
Gerade jetzt sind wir gefragt, unseren Glauben und den Geist Adolph Kolpings in die Welt hinauszutragen. In der letzten Strophe des Liedes heißt es „Dein Tun hat Morgenschimmer“. Unser Tun IST Morgenschimmer, davon sind wir überzeugt. Gott wächst und bleibt durch uns, auch wenn unsere Zeit abnimmt. Genau das lehrt uns die Geschichte Adolph Kolpings.
Evelyn Steidl und Peter Scheidel
*Gotteslob Nr. 465, Liedtext von Detlev Block „Das Jahr steht auf der Höhe“, 1978/2012


