
Ich habe keine Zeit! Das ist bestimmt der häufigste Grund, warum jemand eine Bitte abschlägt. Aber das ist oft so nicht richtig. Eigentlich müssten wir sagen „Diese Sache ist mir nicht so wichtig, dass ich mir dafür Zeit nehmen will.“ Das wäre genauer, aber leider auch unhöflicher.
Es lohnt sich, mit der eigenen Zeit geizig zu sein – jedenfalls glauben wir das – denn wir haben zwar Zeit, aber wir können darüber nicht verfügen. Die Zeit vergeht, egal, was wir tun. Wir können sie nicht sparen, und die Zeit, die wir einem Menschen oder einer Sache schenken, bekommen wir auch nicht zurück. Das macht Zeit so kostbar. Wenn die Zeit vergangen ist, ist sie vergangen, und wir können sie nicht mehr mit etwas anderem füllen.
Darum ist es auch legitim, sich zu überlegen, wofür wir uns Zeit nehmen wollen und wofür nicht. „Ich habe keine Zeit“ ist aber wie gesagt einfach höflicher. Die einzige Zeit, über die ich wirklich verfügen kann, ist nämlich jetzt. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Eigentlich gibt es immer nur den Augenblick.
Trotzdem ist es gut, sich Zeit zu nehmen für die Vergangenheit. Wenn wir uns erinnern, vergewissern wir uns, warum wir Dinge gut und richtig finden, so und nicht anders tun. Wir lernen ja aus den Erfahrungen der Vergangenheit, den eigenen und denen der anderen. Und es ist auch gut, in die Zukunft zu schauen und Pläne zu machen. Wir überlegen die Folgen unseres Handelns für uns und andere, überlegen uns Alternativen und können eigentlich nur so gute Entscheidungen treffen.
Manchmal aber verpassen wir den richtigen Zeitpunkt, weil wir zu sehr in der Vergangenheit oder der Zukunft sind. Da beschäftigen uns alte Kränkungen oder Sorgen um die Zukunft so sehr, dass wir gar nicht sehen, was jetzt grade dran ist.
Ich habe Zeit – jeden Tag 24 Stunden – und ich entscheide (na gut, nicht ganz frei), was ich damit machen will. Oft genug mache ich Dinge, die mir gar nicht gefallen. Je öfter es mir aber gelingt, den Augenblick bewusst wahrzunehmen, umso besser kann ich auch begreifen, was mir wichtig ist. Meine Zeit ist begrenzt, ich bin es auch. Ich kann in meinem Leben nicht alles tun, was ich gern tun würde, aber ich kann das, was ich tue, aus ganzem Herzen tun, jedenfalls so oft wie möglich.
In der Rede von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Feld fragt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger: „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern?“ (Mt 6,27). Wir können dem Leben keine Zeit hinzufügen. Aber wir können die Zeit mit Leben füllen. Das geht immer nur im Jetzt. Getragen von der Vergangenheit, mit Blick auf die Zukunft und im Vertrauen auf Gottes Liebe.
Es gibt eben Dinge, für die will ich mir jetzt keine Zeit nehmen – und das ist gut so.
Andrea Ludwig
ZACK-Beraterin und Gemeindereferentin Kath. Kirchengemeinde Breisgau Markgräflerland (Dienstsitz Vogtsburg-Oberrottweil)


